Warum Zukunftsfähigkeit nicht durch Absicherung entsteht, sondern durch Lernen.
- Ein Blogbeitrag vom
„Gut Ding will Weile haben.“
Diesen Satz haben viele von uns gelernt. Und lange Zeit war er in der Produktentwicklung vermutlich sogar richtig. Wer etwas auf den Markt brachte, hatte es durchdacht, geprüft und perfektioniert. Qualität war ein Wettbewerbsvorteil. „Made in Germany“ ein Gütesiegel.
Heute frage ich mich manchmal: Ist genau das inzwischen unser Problem?
Ich begleite gerade eine Bank bei der Weiterentwicklung ihrer Führungs- und Konfliktkultur. Wir haben gemeinsam untersucht, welche Haltungen die notwendige Transformation unterstützen – und welche sie eher bremsen. Einer der entstandenen Leitsätze lautet:
Mit 80 % Starten schlagen wir 120 % Absicherung.
Ein Satz, der zuverlässig Irritation auslöst. Gerade in Deutschland. Und vielleicht ist genau das ein Hinweis darauf, dass wir einen Nerv treffen.
Die Falle
Natürlich gibt es Bereiche, in denen Fehler keine Option sind. Bei regulatorischen Anforderungen, Sicherheitsfragen oder rechtlichen Vorgaben braucht es Sorgfalt.
Aber Hand aufs Herz: Wie oft sind diese Themen wirklich der Grund? Und wie oft dienen sie als Rechtfertigung für eine Haltung, die längst viel größere Teile unseres Arbeitsalltags erfasst hat?
Noch eine Schleife. Noch eine Abstimmung. Noch eine Freigabe. Noch eine Überarbeitung. Noch ein Meeting. Noch ein Monat.
Und irgendwann ist die Energie weg. Oder die Gelegenheit. Oder der Kunde.
Die eigentliche Not
Viele Unternehmen leiden heute nicht an mangelndem Wissen. Sie leiden an mangelnder Lern-Geschwindigkeit. Während intern noch diskutiert wird, sammeln andere bereits Erfahrungen. Während wir Risiken minimieren, reduzieren andere ihre Unsicherheit durch echtes Lernen.
Der Unterschied klingt klein. Dabei ist er rießig.
Denn Lernen entsteht nicht durch Nachdenken. Lernen entsteht durch Handeln.
Das Werte-Quadrat lässt grüßen
Bitte versteh mich nicht falsch. Es geht nicht darum, Qualität aufzugeben. Ich liebe Menschen mit hohen Ansprüchen! Sie machen Produkte besser, Entscheidungen nachhaltiger und Organisationen verlässlicher.
Und – jede Stärke wird zur Schwäche, wenn man sie übertreibt: Aus Anspruch wird Perfektionismus, aus Gründlichkeit wird Absicherung, aus Verantwortungsbewusstsein wird Zögern.
Genauso kann auch die Schwestertugend auf der anderen Seite kippen: Aus Mut wird Harakiri. Aus Geschwindigkeit wird Gedankenlosigkeit.
Die Lösung liegt nicht in einem der Extreme. Sondern in einer dynamischen Balance beider Pole.
Vielleicht lautet die entscheidende Frage deshalb:
Wann ist etwas gut genug, um den nächsten Lernschritt zu ermöglichen?
KI zeigt uns eine neue Haltung
Spannenderweise lernen viele Menschen diese Haltung gerade durch Künstliche Intelligenz.
Wer regelmäßig mit KI arbeitet, weiß:
Der erste Prompt ist selten gut. Die erste Antwort selten perfekt.
Also formulieren wir neu. Präzisieren. Probieren aus. Lernen. Und werden besser.
Nicht weil wir perfekte Fragen stellen. Sondern weil wir überhaupt anfangen.
KI trainiert uns täglich in einer Fähigkeit, die Unternehmen künftig dringend brauchen werden: Fehler nicht als Scheitern zu betrachten. Sondern als Information.
Die unbequeme Wahrheit
Die meisten KI-Projekte scheitern nicht an der Technik. Sie scheitern an den Haltungen der Menschen.
An dem Wunsch, vor dem ersten Schritt bereits alle Antworten zu kennen. An der Hoffnung, Risiken vollständig ausschließen zu können. An der Idee, erst dann loszugehen, wenn alles fertig ist.
Aber wann ist etwas wirklich fertig?
Digitale Produkte liefern eine ehrliche Antwort:
Nie. Es gibt keine perfekte Version. Es gibt nur die aktuellste.
Was das mit Vertrieb zu tun hat
Tatsächlich begegnet uns die Perfektionsfalle nirgendwo häufiger als im Vertrieb.
Verkäufer sollen aktiv Kunden anrufen, tun es aber oft zu selten. Nicht weil sie faul wären, sondern weil sie sich absichern wollen.
Was, wenn der Kunde Nein sagt? Was, wenn ihn ein Kollege bereits angerufen hat? Was, wenn eine Frage kommt, auf die ich keine Antwort habe?
Also wird noch gewartet, noch einmal vorbereitet, noch eine Produktunterlage gelesen.
Und währenddessen findet kein Gespräch statt.
Dabei entsteht Vertriebserfolg nicht durch perfekte Vorbereitung. Sondern durch Gespräche. Durch Zuhören. Durch Lernen.
Ähnliches erleben wir in der Beratung.
Viele Berater informieren ihre Kunden regelrecht tot. Aus bestem Willen! Sie wollen vollständig sein, nichts vergessen, maximalen Mehrwert liefern. Also erzählen sie 100 % dessen, was sie wissen.
Der Kunde benötigt aber häufig nur 20 % davon, um eine gute Entscheidung treffen zu können. Manche Kunden springen sogar gänzlich ab, weil ihnen die 80% unnütze Information schlichtweg zu viel sind!
Die Kunst besteht nicht darin, möglichst viel zu sagen. Sondern das Relevante zur rechten Zeit für den jeweiligen Menschen.
Und dann ist da noch die Technik.
Neue digitale Werkzeuge, KI-Anwendungen oder Assistenzsysteme werden oft erst genutzt, wenn sie vermeintlich ausgereift sind.
Doch genau dann haben andere bereits Erfahrungen gesammelt, Fehler gemacht, gelernt und ihren Vorsprung aufgebaut.
Wo steht Ihr?
Welche Haltungen fördern in Eurem Unternehmen Lernen, Innovation und Geschwindigkeit?
Und welche sorgen vielleicht ungewollt dafür, dass gute Ideen, Projekte oder Vertriebsinitiativen immer wieder auf später verschoben werden?
Wenn Ihr Eure Kultur gezielt weiterentwickeln wollt – insbesondere an der Schnittstelle von Führung, Vertrieb und KI – dann lasst uns darüber sprechen. Wir begleiten Unternehmen dabei, hinderliche Glaubenssätze sichtbar zu machen und eine Kultur zu entwickeln, die Lernen ermöglicht, statt es auszubremsen.
Denn Zukunft entsteht selten dort, wo alles perfekt ist. Sondern dort, wo Menschen den Mut haben, den nächsten Schritt zu gehen.
Ich freue mich auf den Austausch mit Dir!
Herzliche Grüße aus dem emotional intelligenten Hauptquartier in München,
Deine Sabine